Feedback, Dialog, Impact – Gespräche im Social Web

Kommentare 4
Gespräche im Social-Web

Als ich das Thema “Basiswissen für das Social Web” im folgenden Beitrag aufgriff, hatte ich noch nicht die konkrete Idee dazu, daraus eine Artikel-Serie zu machen. Diese Idee kam mir spontan, als ich in meinem letzten Beitrag die sechs Punkte, die das Web sozial machen, etwas näher beschreiben wollte. Als ich dann aber beim ersten Punkt schon knapp über 800 Wörter zusammengeschrieben hatte, dachte ich mir, dass dieser Beitrag wohl zu lang werden wird. Konsequenz? Aus der Not eine Tugend machen und jeden Punkt einzeln, dafür aber etwas ausführlicher, behandeln. Und hier bin ich nun, bei Punkt zwei “Jeder kann Gespräche beginnen und Kommentare hinterlassen.

Wie niedrig die Einstiegshürden ins Social Web sind und die Tatsache, dass grundsätzlich jede/r von uns publizieren kann, habe ich bereits im letzten Beitrag behandelt. Noch einfacher gestaltet sich Die Teilnahme, wenn ein Thema nicht selbst initiiert werden muss, sondern wenn es darum geht Feedback zu geben oder ein Gespräch zu einem schon vorhandenem Thema aufzugreifen.

Du erfährst in diesem Beitrag:

  • Was “Feedback” im Social Web ist bzw. sein kann.
  • Was ein Gespräch und was ein Dialog ist und warum das nicht dasselbe ist.
  • Warum und wie unsere Online-Kommunikation einen Impact hat.
  • Warum es einen erheblichen Unterschied macht, welchen Gesprächstyp du im Social Web einsetzt.

Digitales Feedback ist minimalistisch

Was ist eigentlich Feedback? Es ist die Rückmeldung des Empfängers unserer Nachricht, in der er/sie uns mitteilt, wie das, was wir als Nachricht versandt haben, bei ihm/ihr angekommen ist und ob es überhaupt angekommen ist. So einfach – im Prinzip.

Feedback kann in der menschlichen Kommunikation vielfältige Formen annehmen: angefangen bei überhaupt keiner Reaktion (da nicht angekommen) bis hin zur totalen Ablehnung oder euphorischen Zustimmung. Feedback muss nicht einmal mit Worten geäußert werden. Jede/r, der/die schon einmal den Daumen nach oben oder nach unten gezeigt hat, weiß das. Auch andere Fingerzeichen, mit sehr klarem internationalen Wiedererkennungswert, werden gerne und oft (so. z.B. im Straßenverkehr) als Feedback-Formen verwendet. 😉

Wie zeigt sich Feedback aber im Social Web? Die kurze Antwort: minimalistisch. Das Leben im Social Web ist schnell, das wissen wir. Falls (!) deine Nachricht überhaupt zum/r potenziellen DialogpartnerIn gelangt, entscheidet er/sie in Bruchteilen einer Sekunde, ob deine Meldung interessant genug ist, um Feedback zu geben. Falls dem so ist, dann kann sich diese Rückmeldung in Form von Likes, Shares, Tweets, Kommentaren, Newsletter-Anmeldungen und Ähnlichem zeigen.

Als Feedback im Sinne des Social-Web kann im Grunde jeder aktive Klick eines/r InternetuserIn gewertet werden, der als Reaktion auf deinen kommunikativen Input aufkommt. Ob dein Beitrag nun “nur” ein Like erhält oder du einen auführlichen Blog-Kommentar erhältst, liegt ganz am Feedbackgeber.

 

Gespräche brauchen keinen Dialog

Was schreibt sie da? Gespräche brauchen keinen Dialog? Ja genau, denn: Jeder Dialog ist ein Gespräch, aber nicht jedes Gespräch ist ein Dialog. An dieser Stelle wird es wohl Zeit, sowohl Dialog als auch Gespräch zu definieren. Was bedeuten diese Begriffe?

Frei nach Ivana bezeichnet ein Gespräch eine verbale Kommunikation zwischen Menschen, die schriftlich, akustisch oder in Zeichen stattfindet. Ein Dialog ist ein Gespräch zwischen zwei oder mehreren Personen zu einem bestimmten Thema, zur selben Zeit, am selben Ort. Sie beziehen sich in ihren Äußerungen aufeinander (Rede – Gegenrede) und der Ausgang des Dialogs ist nicht im Vorhinein klar.

Zur Verdeutlichung möchte ich noch folgende Punkte herausgreifen.

  • Gespräche finden (auch) losgelöst voneinander (Raum, Zeit, Thema) statt.
  • Gespräche können Monologe, Diskussionen, Debatten, Vorträge, Verkaufsgespräche, Überzeugungsreden u.Ä. sein.
  • Gespräche benötigen kein Feedback um als solche zu gelten.
  • Dialoge setzen zwei gleichberechtigte Gesprächspartner voraus.
  • Bei Dialogen beeinflusst das Gesagte die Gegenrede des anderen. Die TeilnehmerInnen bewerten das Gesagte/Geschriebene, reflektieren und reagieren.
  • Dialoge setzen voraus, dass alle TeilnehmerInnen dazu bereit sind von den anfänglichen Positionen abzukommen und anderen entgegenzukommen bzw. Zugeständnisse zu machen.

Gespräche müssen keine Dialoge sein. Aber was finden wir nun im Socal Web: Gespräche, Dialoge oder ganz etwas anderes?

 

Wie kommuniziert das Social Web?

Es stellt sich natürlich die Frage, wie denn jetzt innerhalb des Social Web kommuniziert wird. Schließlich können wir nur an jenen Gesprächen teilnehmen, die wir vom Inhalt aber auch von ihrer Struktur her verstehen. Wir könnten sicherlich auch einfach nur darauf losplappern – wenn wir ehrlich sind, kennen wir alle sehr viele Online-Akteure, die genau das tun – aber in Wahrheit sind das alles nur Monologe. Und Monologe sind nicht das, was ich mir unter professioneller Online-Kommunikation vorstelle.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich diese Frage hier überhaupt beantworten kann. Ich kann zumindest einige Schlagworte in die Arena werfen und Fragen formulieren. Gemeinsam kommen wir sicherlich zu klugen oder klügeren Antworten.

Mein Bauchgefühl sagt mir, dass es im Web sehr viele Monologe gibt. Dasselbe Gefühl sagt mir, dass es kaum echte Dialoge gibt. Mirko Lange hat das sehr treffend formuliert:

“Ein Dialog ist ein Gespräch, bei dem beide Parteien bereit dafür sind, ihre Position zu verlassen und dem anderen entgegen zu kommen. Darauf sind Unternehmen aber nicht eingerichtet. Es gibt dafür keine Prozesse. Und deswegen wird in den Sozialen Medien noch auf lange Zeit nur die „Imitation von Dialog“ stattfinden […] Die Unternehmen stört der Dialog eher weil er ständig ihre Abläufe stört.”

Gespräche im Social Web sind selten Dialoge. Klick um zu Tweeten

Dennoch wird laufend Content – schriftlich und/oder audiovisuell – produziert, veröffentlicht und im selben Atemzug zum „Dialog“ gebeten. Was ist “Content” eigentlich aus kommunikationswissenschaftlicher Sicht? Einerseits betonen wir – mich eingeschlossen – den Menschen, das “Soziale”, im Social Web, andererseits können wir nicht von der Hand weisen, dass Online-Kommunikation teilweise auch losgelöst vom einzelnen Menschen existiert. Ohne, dass ich tonangebend in diesem Feld wäre, bezeichne ich diese Form von Kommunikation als – Diskurs.

 

Hardcore-Ausflug: Was ist ein Diskurs?

 

Ach du liebe Güte, noch so ein Wort, das eine Definition verlangt. Ich weiß, aber das ist ein spannender Begriff, der so einiges in sich trägt. Versuche mir zu folgen und ich verspreche dir, ich komm zu einen sinnvollen Schluss!

Der Diskursbegriff geht auf Michel Foucault zurück und ist schwer auf den Punkt zu bringen, da erstens Foucault selbst diesen Begriff immer weiterentwickelt und zweitens dieser Begriff Geburtshelfer für eine Fülle weiterer sozialwissenschaftlichen Ansätze war.

Wenn ich all mein Wissen zusammenklaube und versuche es auf einen simplen gemeinsamen Nenner zu bringen, dann beschreiben Diskurse Aussagen, die Sprache und Denkweisen zu einer bestimmten Zeit und zu bestimmten Themen festlegen. Diese Diskurse regeln was gesagt wird, werden kann und darf – und was nicht. Sie entspringen dem menschlichen Geist, bekommen aber, einmal ausgesprochen, eine gewisse Selbstständigkeit, da auch andere Menschen anfangen über diese zu sprechen. Der “Schöpfer” eines Diskurses besitzt diesen nie.

Diskurse tragen darüber hinaus einen Machtbegriff in sich. Sie schaffen Sinnsysteme, Strukturen und im allgemeinen gesellschaftliche Wirklichkeiten. Sie regeln, strukturieren und filtern, was zu einer gewissen Zeit sagbar, denkbar und machbar ist. Durch das Sprechen über “etwas” beschreiben wir dieses “etwas” nicht nur, sondern wir erschaffen es zum Teil auch. Damit haben Diskurse die Macht bestehende Strukturen zu festigen oder auch zu zerstören.

[Mehr zum Thema Diskurs findest du im Netz z.B. bei Wikipedia und in philosophischen bzw. sozialwisenschaftlichen Abteilungen deiner nächsten Bibliothek. Solltest du darüber hinaus Interesse daran haben, kannst du dich bei mir melden und wir besprechen das “unter uns”.)

 

Diskurse sind wie Filterblasen – Sie haben Impact

 

Schwere Kost, ich weiß. Ich höre schon damit auf. Was für mich aber so interessant scheint, ist die inhaltliche Nähe zur online viel besser bekannten Theorie der Filterblase, bzw. Informationsblase nach Eli Pariser. In seinem Konzept filtern und lenken Algorithmen das Denken, Sprechen und Handeln von UserInnen, so wie Diskurse das im analogen Leben tun. Sowohl Diskurse als auch Algorithmen sind von Menschen in die Welt gesetzt worden, sie erhalten dennoch eine gewissen Selbststädnigkeit, werden selbst real und haben Macht über jene Menschen, die einmal in ihrem Rahmen gedacht und/oder gehandelt haben.

Spannend, nicht war? Ein wenig beängstigend sicherlich auch. Aber ich finde es wichtig, auch solche Sachverhalte bewusst anzusprechen. Ich bleibe bei meiner, dir sicher schon bekannten, Meinung: Kommunikation erzeugt Wirklichkeit. Jeder kommunikative Akt, den wir setzen – online wie auch im echten Leben – schafft ein teilstück dessen, was wir als soziale/gesellschaftliche Gegebenheiten wahrnehmen. Kommunikation hat dadurch immer einen Impact. Dieser hat sicherlich nicht immer dasselbe Ausmaß, aber wie sagt ein altes Sprichwort: Steter Tropfen höhlt den Stein. Oder übersetzt: Je mehr Aussagen/Gespräche zu einem bestimmten Thema in einem bestimmten „Ton“, desto realer erscheint das Gesagte.

 

Online-Diskurse sind Keyword-Diskurse

 

Ich möchte an diesen Punkt (Online-)Diskurse als regelmäßige, kommunikative (Online-)Handlungen zu bestimmten Themen und/oder Begriffen beschreiben, wenn du willst, zu bestimmten Keywords. Sie bilden nach meiner Einschätzung den überwiegenden Teil der Gespräche im Social-Web.

Gespräche im Social Web sind Online-Diskurse. Klick um zu Tweeten

Stelle dir diese Diskurse einfach als Keyword-Bubbles vor. Sie gliedern und strukturieren das Social-Web, schaffen Sinn und Wirklichkeit in einer digitalen Welt. (Nimm als Beispiel nur einmal das Thema Bitcoin her: nicht analog, nicht greifbar, aber durchaus real.)

UserInnen kommunizieren über und innerhalb dieser Keyword-Diskurse auf unterschiedliche Weise. Das Ziel dieser Gesprächsform ist nicht der Dialog – auch wenn wir das gerne hätten. Das Ziel des Online-Diskurses ist diffus und reicht von Informationsmanagement, Meinungsbildung bis hin zu Ermächtigung bzw. Machterhaltung. Auch im Social Web kommen wir am Machtbegriff also nicht vorbei, aber genau das macht es auch so menschlich.

Gespräche im Social Web haben nicht den Dialog als Ziel. Was dann? Klick um zu Tweeten

 

Wo Impact, dort Macht, dort Aufstand

 

Kommunikation schafft also Wirklichkeit, da sie Einfluss auf uns Menschen, unser Denken und unser Handeln hat. An dieser Stelle finden wir auch Machtspiele und um sie herum auch immer Gegenbewegungen – Aufstände. Dieser Aufstand kann sich aber nur in Form von Dialogen entfalten, wenn wir bereit sind, einander zuzuhören, aufeinander zuzugehen und uns gegen den Diskurs – der hier die Macht inne hat – zu stemmen. Denn nur Dialoge tragen ein Veränderungspotenzial in sich.

Es gibt innerhalb dieser tonangebenden, omnipräsenten und digitale Wirklichkeit schaffenden Diskursen also auch Dialoge. Sie sind quasi ein eingebauter Schutzmechanismus, ein Selbstzerstörer, der im selben Atemzug Altes zerstört und Neues, in Form von neuen Diskursen, schafft. Nur durch Dialoge schaffen wir es die Realität der bestehenden Diskurse zu hinterfragen. Online-Kommunikation als Diskurs dient der Erhaltung des Status-quo, Dialoge zielen auf Veränderung. Die Frage ist nur, was willst du für dich und deinen Online-Auftritt?

Online-Diskurse dienen der Machterhaltung, Dialoge der Veränderung. Klick um zu Tweeten

Zusammenfassung

 

In diesem Beitrag habe ich Feedback als jeden aktiven Klick eines/r InternetuserIn, der als Reaktion auf deine kommunikative Handlung zurückkommt, gewertet. Ich habe dir dargelegt, dass jeder Dialog ein Gespräch ist, aber nicht jedes Gespräch ein Dialog sein muss. Darüber hinaus habe ich dir verdeutlicht, dass jede Art von Kommunikation einen Impact hat, da jede kommunikative Handlung ein Stück Wirklichkeit erzeugt.

In diesem Zusammenhang habe ich den Begriff des Diskurses aufgegriffen und in Relation zum Begriff der Filterblase gesetzt. Dabei konnten wir interessante Zusammenhänge feststellen, die unser Leben und Handeln im und mit dem Social Web beeinflussen. Das Thema Macht tauchte als logische Konsequenz ebenfalls auf und ich bezeichnete den Dialog als möglichen Akt des Widerstandes im Social-Web.

Es gibt natürlich auch viele andere Sichtweisen zur Kommunikation im Social-Web. All diese Ausführungen sind meine persönliche Sicht der Dinge. Du darfst und sollst dir natürlich eigene Gedanken dazu machen und dir deine eigene Meinung bilden. Auch für mich ist das sehr wichtig, da wir dann in einen Dialog unsere Erfahrungen und Standpunkte austauschen können.

Sollte dir das Thema zu “abgehoben” sein und du glaubst keinen Zusammenhang zu deinem professionellen Arbeiten im Social-Web zu sehen, würd ich mich freuen, wenn ich dich dennoch als LeserIn halten kann. Ich bin mir sicher, dass sich mit der Zeit alles “setzt” und für dich ein klares Bild entstehen wird, das dir sehr wohl einen Mehrwert für dein professionelles Handeln bietet.

Die digitale Welt ist nicht immer so, wie sie uns auf den ersten Blick scheint. Oft müssen wir fest an der Oberfläche kratzen, um die darunter liegenden Strukturen zu erkennen – und das ist unter anderem eines der Ziele, die ich mit meinem Blog verfolge. Es würde mich freuen, wenn du gemeinsam mit mir in diese Richtung gehst. Was sagst du dazu?

 

Möchtest du gemeinsam mit mir über die digitale Gesellschaft diskutieren? Bleib in Kontakt, melde dich zu meinem Newsletter an.

[mc4wp_form]

Kommentare 4

  1. Liebe Ivana,

    danke für diesen Ausflug in die Theorie. Du hast eines damit sehr deutlich hervorgehoben, was häufig aus dem Blick gerät: Das Thema Impact und Macht spielt eine wichtige Rolle. Ich fürchte sogar, dass es oft im Vordergrund vieler Social-Media-Aktivitäten steht und nicht der Dialog.

    Herzlich Nadja

    • Liebe Nadja,

      ein wenig Theorie tut schonmal gut, besonders, wenn sie zum Denken anregt, was ja mein Ziel war.
      Ich gebe dir Recht, dass der Dialog oft nur der „offizielle“ Beweggrund ist. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass man auch viel mehr als nur Produkte und Dienstleitsungen im Web verkaufen kann. Auch Weltanschauungen und Ideologien bieten sich hier an und diese haben ein weitaus größeres „Machtpotenzial“.

      Danke für deinen Input!

      Liebe Grüße aus Wien

  2. Pingback: Interne Kommunikation im Unternehmen: Diese 5 Fehler gilt es zu vermeiden

  3. Pingback: Wie und wodurch entsteht Relevanz in der Unternehmenskommunikation?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.